Voltigieren - Was ist das? 01.05.2006
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"Was machst du denn für `nen Sport?", fragt er. "Ich voltigiere!", ist meine Antwort. "Das ist doch kein Sport!" entgegnet er darauf ganz erstaunt mit leicht mitleidigem Unterton. "Aber klar! Hast anscheinend gar keine Ahnung, wie anstrengend das ist!?!", kontere ich. "Ähm, wir reden doch beide davon, naja, wenn man so in der Halle steht und das Pferd um einen herumlaufen lässt, oder?" fragt der mittlerweile recht skeptisch aus der Wäsche guckende Typ. "Das ist LONGIEREN du Vollidiot!!!" platzt es aus mir heraus. "Beim Voltigieren befindet man sich AUF dem Pferd!" "Achso, Reiten! Sag das doch gleich!"

So oder so ähnlich ist es mit Sicherheit schon vielen Voltigierern oder Voltigiererinnen ergangen. Dabei sind sich zurzeit zwischen 60 000 und 100 000 aktive Sportler sicher: "Voltigieren macht Spaß!" Damit ihr nicht demnächst selber mal so unwissend aus der Wäsche guckt, sondern mit Fakten imponieren könnt, hier die wichtigsten Infos über diese schöne Sportart auf dem Pferderücken:

Voltigieren reicht vom breitensportlichen Bereich über den leistungsorientierten Wettkampfsport bis zum Hochleistungssport mit Länder-, Europa-, und Weltmeisterschaften und ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern, den USA, Australien, sogar in Südafrika sehr beliebt.

Voltigieren heißt, Übungen in turnerisch-gymnastischer Form auf einem galoppierenden Pferd auszuführen. Dazu braucht man einen Sportdress und Gymnastikschläppchen. Voltigierausbilder und ein ausgeglichenes, gutmütiges Voltigierpferd gibt es heute in vielen Vereinen. Mit einigen Gleichaltrigen kann der Spaß dann losgehen.

Nachdem man sich erst einmal mit dem Kameraden Pferd bekannt gemacht hat, lernt man sich dem Bewegungsrhythmus des Pferdes anzupassen. Sporttreiben mit dem Pferd verlangt vom Sportler ein ständiges Sich-Einfühlen und Anpassen an die Bewegungen und den Rhythmus des Pferdes. Keine Übung kann gelingen, wenn sie nicht im Einklang mit der Bewegung des Pferdes verläuft. Spielerisch lernen so Kinder und Jugendliche, ihren Körper zu beherrschen, Gleichgewicht zu halten, Koordination, Gewandtheit, Sprung- und Stützkraft, Reaktionsvermögen, Mut und Selbstvertrauen werden erlangt oder gestärkt. Spielerisch werden Ängstlichkeit und Verkrampfungen überwunden.

Im Wettkampfsport wird das Voltigieren als Gruppen-, Doppel- oder Einzeldisziplin absolviert. Seit dem 1.01.2008 hat man die Einteilung in die verschiedenen Leistungsklassen den klassischen Pferdesportarten wie Dressur, Springen oder Vielseitigkeit angepasst, um eine leichtere Vergleichbarkeit mit diesen und einen besseren Zugang zum Voltigiersport zu gewährleisten. Somit sind die Gruppen nun je nach Leistung in den Klassen A, L, M, S oder Junior startberechtigt und die Einzelvoltigierer in den Klassen Junior, L, M oder S. Bei einem Turnierstart nehmen meist 8 Voltigierer/-innen pro Gruppe teil, in den Spitzensportgruppen (Klasse S und Junior) nur 6 Gruppenmitglieder. Um das Voltigieren nicht mehr nur Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, hat man zudem die früher geltende Altergrenze von 18 Jahren aufgehoben. Die genauen Wettkampbestimmungen sind in schriftlicher Form in der LPO (Leistungs-Prüfungs-Ordnung) und dem Aufgabenheft Voltigieren bzw. für den breitensportlichen Bereich in der WBO (Wettbewerbsordnung) festgehalten. Auf dem Turnier wird zunächst ein Pflichtprogramm gezeigt, bei dem jeder Aktive gleiche Übungen alleine ausführt. Es kommt so auch auf das Einzelkönnen an, doch letztlich zählt nur die Gruppenleistung. Denn Partnerübungen zu zweit und zu dritt gehören zum anschließenden Kürprogramm. Die Voltigierer müssen aufeinander eingehen und gleichzeitig ihre Bewegungen dem Pferd anpassen, damit eine Übung gelingt. Zusammenarbeit, Hilfsbereitschaft sowie gegenseitige Rücksichtnahme werden von allen Voltigierern verlangt.

Kaum eine andere Sportart hat die Möglichkeit, in so vielfältiger Weise über den Partner Pferd auf die Aktiven Einfluss zu nehmen. Als Jugendsportart, mit nahtlosem Übergang von der Gruppen- zur Einzeldisziplin, ist hier unter dem besonderen Aspekt des lebendigen "Sportgeräts" Pferd die Chance gegeben, über einen längeren Zeitraum hinweg Jugendliche zu betreuen. Deshalb wird das Voltigieren auch mit großem Erfolg als heilpädagogische Maßnahme eingesetzt.

Zum Voltigieren gehört aber auch, den Umgang mit dem Pferd zu erlernen sowie Pflichten und Aufgaben bei der Pflege des Pferdes zu übernehmen. So ist das Pferd kein starres Turngerät, das man nach der Übungsstunde nur in einen Geräteraum zu schieben braucht. Pferdepflege, Trensen, Gurten, Bandagieren wollen gelernt sein, ein fachgerechter Umgang mit dem Pferd ist Bedingung für eine gute Voltigierstunde.

Diese schöne Sportart ist keine Erfindung der Neuzeit. Die ältesten Zeugnisse dieses "Turnens auf dem Pferd" sind in etwa dreieinhalbtausend Jahre alten Felszeichnungen festgehalten. Kunstreiter im römischen Zirkus und die Reiterspiele der Steppenvölker vollführten diese Sportart und noch im 19. Jahrhundert war Voltigieren fester Bestandteil der Kavallerieausbildung. In der folgenden Zeit entwickelte sich das Voltigieren zum Kinder- und Jugendsport. Heute reicht die Palette des Voltigierens vom Freizeitsport bis zur Austragung von Europa- und Weltmeisterschaften und wird bis über das Jugendalter hinaus betrieben.
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